Parallelbiografien
Serbien – Deutschland

Eindrücke der Studierenden


Meine bisherigen Eindrücke der letz­ten Tage waren sehr positiv und auch etwas überraschend, da ich mit der Erwartung hinein gegangen bin, dass einige Interviewpart­ner*n­nen einen eher ernüchternden und viel­leicht auch resignierenden Be­zug zu ihrem Beruf haben könnten. Jedoch stellte sich heraus, dass jede*r zu­frieden im Beruf ist und sich dabei mehr oder weniger stark damit identi­fiziert.“  (Lisa)  


Meine Erwartungen wurden teilweise bestätigt und zwar insofern, dass alle drei zu wenig verdienen und trotzdem sehr glücklich in ihrem Beruf sind und sich immer wieder für diesen entscheiden würden. Judith aus dem Frauenzentrum sagt:"Wählt euren Beruf danach aus, ob er euch Freude macht und nicht danach wie viel ihr verdient.“ Überraschend war für mich das Interview mit Grit aus der Videothek. Ihre Offen­heit, ihre Liebe zu ihrem Beruf, vor allem die soziale Komponente dabei und ihr Optimis­mus, haben es für mich bis jetzt zum interessantesten Gespräch gemacht. Das hätte ich nicht erwartet. Heute morgen war ich bei Uta von Mit Ost, das war auch interessant. Ich hatte den Eindruck, dass sie uns mochte und das Geld für unser Projekt (hoffentlich) für gut investiert befindet.“ (Maria)

 

„Bei diesem Projekt habe ich bis jetzt viel mehr gelernt als ich erwartet habe. Es war wirklich spannend die verschiedenen Erfahrungen und Geschichten zu hören. Die Interviews liefen ziemlich entspannt und angenehm, deshalb haben die Leute so­wohl die positiven Seiten als auch die negativen besprochen. Wir haben sehr viel Spaß gehabt.“ (Andjela)


„Bis jetzt war es hier in Berlin sehr interessant, aber auch anstrengend. Das ist aber in Ordnung, weil wir eigentlich neue Leute kennen gelernt haben, nicht nur die Studierenden sondern auch unsere Gesprächspartner, die über ihre Berufe und Tätigkeiten sehr gerne gesprochen haben. Diese Interviews fand ich interessant und erfolgreich, weil diese Menschen so offen und ehrlich auf unsere Fragen ge­antwortet haben. Auf der anderen Seite war es gleichzeitig schwierig für uns, von einem Stadtviertel bis zum anderen zu kommen, um ein Interview machen zu können, weil Novi Sad viel kleiner als Berlin ist. Wir haben uns trotzdem daran angepasst und sind damit ziemlich gut umgegangen. Ich bin im Allgemeinen aufgeregt und freue mich auf unsere nächsten Aufgaben.“ (Milica D.)


„Ich bin von diesem Projekt wirklich begeistert! Es war eine tolle Erfahrung, Interviews zu führen und neue Leute kennenzulernen. Mir hat es sehr gut gefallen, dass ich viel Neues aus einer ganz besonderen Perspektive erfahren habe. Ich bin mir aber nicht sicher,ob wir die passenden Berufe in Serbien finden werden, aber ich freue mich sehr auf Ergebnisse!“ (Maja)


„Als ich von diesem Projekt erfahren  hatte, konnte es ich mir kaum vor­stellen, dass es mich so begeistert und so beeindruckend wird. Es war für mich eine einzigartige Chance, um Berlin kennen zu lernen und aber auch mit Deutschen persönliche und tiefe Gespräche zu führen. Das ich allein einige Interviews gemacht habe und auch allein durch die Stadt gereist bin, nur mit Hilfe von Google Maps, finde ich als Herausforderung, aber im Sinne eigener Entwicklung und des eigenen Selbstbewusstseins war es lehrreich. Ich bin sehr neugierig, wie dieses Projekt am Ende aussehen wird.“ (Milica L.)

 

Dieses Projekt fand ich äußerst interessant, vor allem weil die Leute, die interviewt wurden, sehr gerne gesprochen und mitgemacht haben. Es ist auch sehr positiv zu sehen, wie gut sich alle diese Leute mit ihren Berufen identifizieren können. Diese Tatsache ist sehr optimistisch und spricht auch dafür, dass man sich im Leben immer damit beschäftigen soll,  was in einem positive Gefühle und gute Laune erweckt. Was ich nicht erwartet habe, sind etwas längere Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber wir haben uns da sehr gut zurechtgefunden.“ (Ana)


"Frauen stehen beruflich an einem Wendepunkt. Sie passen sich an den Trend des Arbeitsmarktes an, der dahin geht, dass man nicht nur den einen Beruf erlernt, in dem man ein Leben lang tätig ist. Mehrere Berufe nacheinander oder auch nebeneinander auszuüben, betrachten die Frauen als Chance, sogar als Ausgleich. Flexibilität ist gefragt."  (Maria)


„Novi Sad: Mein Eindruck ist, dass die Menschen hier härter arbeiten. Kultur hat einen anderen Stellenwert als in Deutschland, weil das Geld knapper ist. Die Leute hier wirken auf mich stolz und selbstbewusst.“ (Jonas)


Als Fazit kann man sagen, dass sich die Lebensstandards beider Länder deutlich unterscheiden – die Arbeitsweisen und auch die Wünsche und Erwartungen der Menschen sind jedoch sehr ähnlich. Es gab keinen, der sagen würde, dass er eine andere Identität hätte, wenn er oder sie einen anderen Beruf gewählt hätte oder das jemand den Wunsch hätte, das Land auf Grund des Lebensstandards zu verlassen – trotz auch immer wiederkehrender Kritik an der Regierung und den damit einhergehenden Problemen.“ (Felix)


„Unerwartet für mich war, was für weltoffene  und weitestgehend glückliche Menschen wir treffen konnten. Ich hätte erwartet, dass mehr Missmut über die finanzielle und politische Situation herrschen würde, und diese Erwartung wurde „enttäuscht“. Ich war zuvor in Rumänien und Bulgarien gewesen und hätte gedacht, dass durch die fehlende EU-Mitgliedschaft Serbiens ein weiteres Armutsgefälle erkennbar sein sollte. Dies war nicht der Fall.  Überrascht war ich doch von der Offenheit gegenüber Homosexuellen in Novi Sad. Da hätte ich etwas anderes erwartet.“ (Jonas)


Viele Interviewpartner, die sich entschieden haben, mit uns zu reden, können sich sehr gut mit ihrer Arbeit identifizieren und scheinen oft auch sehr glücklich damit zu sein. Leidenschaft und eine gewisse Freiheit im Beruf waren dabei oftmals aus­schlaggebend. Dies birgt leider eine gewisse Einseitigkeit, weil im Gegenzug sich leider kaum Leute zu den Interviews bereit erklärt haben, die sich nicht mit der Arbeit in gewisser Hinsicht identifizieren oder sogar unglücklich damit sind. Gerade die Freiheit und Selbstbestimmtheit, die die Selbstständigkeit mit sich bringt, wurde immer wieder erwähnt.“ (Felix)


„Für mich war jedes Gespräch für sich etwas besonderes. Ich fand es toll, wie sich die Menschen uns gegenüber geöffnet haben - egal welchem Beruf sie nach­gingen. Besonders positiv wird mir das Gespräch mit dem serbischen Schriftsteller im Gedächtnis bleiben, da er eine tolle Sicht auf das Leben hatte. Aber auch das Gespräch mit den Tierärzten war super, weil wir uns danach noch lange privat unterhalten haben und ich viel lernen durfte.“ (Jonas)


„Natürlich gibt es einige, die von ihrem Job bzw. Hobby (Musiker) nicht allein leben können und auch nebenbei einer anderen Tätigkeit nachgehen. Doch wirkten die Interviewpartner, mit denen ich mich getroffen habe, sehr glücklich. Der Schrift­steller meinte zu diesem Thema, dass man möglichst eine Arbeit finden muss, von der man leben kann, aber auch die Zeit sich möglichst frei einteilen kann. Denn nichts ist wichtiger, als Zeit zu haben.“ (Felix)


Reenactment

 

Beim Reenactment handelt es sich um eine Technik, deren Wurzeln im Theater und im Ritual liegen. Sehr oft trifft man sie im Kontext von kollektiver Erinnerung an, zumeist bei der Nachinszenierung kriegerischer Zusammenstöße. Sie wird im zeitgenössischen Theater eingesetzt, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Details im Prozess der Reinigung von Gedächtnisinhalten untergehen. Gerade die Details haben oft eine entlarvende Wirkung, wenn sie erneut zum Leben erweckt werden. Ein innovativer Vertreter des künstlerischen Reenactments ist Milo Rau.


Während sich Milo Rau zumeist mit Tatbeständen auseinandersetzt, die von Gewalt und Vernichtung geprägt sind, ging es im Projekt "Parallelbiografien"  um die Schärfung unseres Erinnerungsvermögens mit Bezug auf die unmarkierten Details unserer Umgebung in der Zivilgesellschaft. Das gedankliche Vorbild sind die Arbeiten der Berliner Künstlerin Sonya Schönberger. Sie erhebt die gesprochenen Berichte von ZeitzeugInnnen zum historischen Ereignis, das durch ein Reenactment gewürdigt wird. Da sie mit ihren Reenactments über geografische und kulturelle Grenzen hinausgreift, entsteht ein beachtlicher Erkenntnisgewinn durch die Mittel der Kunst.


Das Projekt "Parallelbiografien" bewegt sich konsequent im Rahmen der Alltagserfahrung von Iden­tität und Arbeit. Allein dadurch, dass die Teams durch die Herkunft der Mit­wirken­den über unterschiedliche Hintergründe verfügten, ergab sich ein reizvoller Ansatz. Nach Abschluss der aktiven Interviewphase haben sich die Studierenden am letzten Abend getroffen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Hierzu wurden jedoch nicht nur die bekannten Evaluierungstechniken benutzt, sondern zusätzlich das Mittel des Reenactments.


Einige Interviews wurden ausgewählt, um diese durch Nachinszenierung noch einmal aufleben zu lassen. Diejenigen, die das jeweilige Interview tatsächlich geführt hatten, übernahmen die Aufgabe der Regie. Für jede am Interview beteiligte Person wurde ein Darsteller  gefunden. Die Regie bemühte sich dann in der Zusammenarbeit mit den Darstellern um eine möglichst genaue Nachinszenierung des Interviews. Es war spannend, welche „unerheblichen“ Momente bei dieser Technik wieder an der Oberfläche erschienen. Es wurde eine Videoaufnahme dieser experimentellen Erinnerungstechnik angefertigt.


Videomitschnitt zum Reenactment:

https://vimeo.com/332795682