Parallelbiografien
Serbien – Deutschland

Parallelbiografien serbien / deutschland

Die Ausstellung „Parallelbiografien Serbien / Deutschland: Identität und Arbeit“ ist das Resultat des gleichnamigen interkulturellen, sozial-künstlerischen Projekts, das von Claudia Müller von der Technischen Universität Berlin und der Berliner Künstlerin Sandra Ratković in Zusammenarbeit mit Ivana Pajić und Paul Gruber von der Philosophischen Fakultät in Novi Sad ins Leben gerufen wurde. Das Projekt wurde mithilfe von Mirjana Zarifović Grković, Vikica Matić, Branka Zarifović und von Studierenden aus Novi Sad (Milica Davidović, Anđela Jovanović, Milica Lalić, Ana Milešević, Maja Najdanović) und aus Berlin (Larissa Bellina, Maria Berenike, Jonas Ibel, Lisa Klisch, Felix Müschen) sowie durch die Unterstützung des Vereins MitOst e.V. (Sitz in Berlin) und der Gesellschaft von Freunden der TU Berlin realisiert. Das Projekt begann 2018 und wird laufend weitergeführt.



Kontextueller Ausgangspunkt des Projekts war der Gedanke, dass die Arbeitswelt gegenwärtig an einem Wendepunkt steht, der die aktuellen Diskurse zu Beruf und Identität mitprägt. Diesbezüglich stellt sich die Frage, wie man den Begriff „Arbeit“ in Zukunft überhaupt noch definieren wird. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Beschäftigung mit der beruflichen Identität. Jeder Beruf beinhaltet ein bestimmtes Korpus von (Sub-)Kulturcodes, obligatorisch-automatisierten Verhaltensregeln und individuell-kreativen Prozessen, wobei abhängig vom jeweiligen Berufszweig und vom näheren oder weiteren Arbeitsumfeld das eine oder das andere mehr (oder beides gleichermaßen) zum Ausdruck kommt. Zusätzlich unterscheiden sich die individuelle Erfahrung und persönliche Einstellung in Bezug auf den ausgeübten Beruf, wobei die persönliche (positive / negative) Einstellung einer Person durch unterschiedliche (politische, gesellschaftliche, arbeits- und finanziell bedingte) Faktoren beeinflusst wird. Ausgehend von der Überzeugung, dass jeder Bürger (mit seiner spezifischen Sichtweise) zugleich auch ein Zeitzeuge der persönlichen und (sub-)kollektiven Gegenwartsgeschichte ist, ist das Ziel des Projekts aufzuzeigen, inwieweit und auf welche Weise die Alltagsroutine des Einzelnen, zu der auch das Ausüben einer Arbeit (eines Berufs) gehört, die Ich-Identität des Menschen mitbestimmt. Das Projekt untersucht die gesellschaftliche Stellung von Personen unterschiedlicher Berufsprofile, ihre Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, persönlichen und beruflichen Erfolge und Misserfolge sowie den Einfluss der Berufswahl auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dabei wird der Frage nachgegangen, in welchem Maße die Lebens- und Berufsentscheidungen des Einzelnen selbst bestimmt wurden und welchen Einfluss die Politik, die Gesellschaft und die nähere bzw. weitere Umgebung darauf hatten.



Die Idee der „Parallelbiografien“ geht auf Plutarch und seine vergleichende Erforschung der Lebenswege namhafter Griechen und Römer zurück ("Bíoi parálleloi" seit 96). Damit hat er bereits vor zweitausend Jahren aufgezeigt, dass die Identitätsbildung ein mehrschichtiger und komplexer Prozess ist, der auch interkulturelle Kontakte und transkulturelle Durchkreuzungen miteinbezieht. Die Länder Serbien und Deutschland gehören der gemeinsamen europäischen Kultur an, weisen aber zugleich auch kulturelle Differenzen auf, was sich auch in den beruflichen Lebensgeschichten der interviewten Personen aus beiden Ländern widerspiegelt. Durch das Sammeln der Biografien einzelner Bürger (mit gleichem oder ähnlichem Beruf) der Städte Novi Sad und Berlin will das Projekt „Parallelbiografien Serbien / Deutschland: Identität und Arbeit“ einen tieferen Einblick in die bestehenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Lebensstile der beiden multikulturellen Städte erarbeiten und das heterogene Gesellschaftsmosaik der beiden Städte aufzeigen. Auf diese Weise leistet das Projekt einen Beitrag zum Erinnerungsarchiv der Zivilgesellschaft.



Nach einer Vorbereitungsphase, in der sich die Studierenden mit den Themen „Erinnerung“ und „Erinnerungskultur“ beschäftigten und die Teilnehmer ein Bewusstsein dafür entwickelten, wie eine Gesellschaft Erinnerungsbestände organisiert, wurde gemeinsam ein Fragebogen erstellt, und in Berlin und Novi Sad wurden Interviewpartner gefunden, die gleiche oder ähnliche Berufe ausüben. Im September 2018 besuchten die Studierenden gemeinsam mit dem Projektteam die Städte Berlin und Novi Sad, wo in gemischten Gruppen aus serbischen und deutschen Studierenden die Interviews geführt wurden. So konnten sich einerseits die Projektteilnehmer besser kennenlernen und andererseits die Fragen an die Interviewpartner aus verschiedenen Perspektiven gestellt werden. Ein fester Bestandteil des Projekts war auch der intensive Austausch der Teilnehmer über das, was sie während der Interviews erfahren konnten. In diesem Kontext wurde Reenactment als Technik eingesetzt.